Botschaft der Tschechischen Republik in Wien

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Geschichte des Botschaftsgebäudes

DIE GESCHICHTE EINES PALAIS

Es stellt für das Palais der Tschechischen Botschaft keine Besonderheit dar, Besucher in seinen Bann zu ziehen, verrät doch schon eine flüchtige Betrachtung, dass einerseits seine Geschichte älter als der Staat ist, der seine diplomatische Vertretung darin eingerichtet hat, andererseits offenbart eine Begegnung, dass dieser Gebäudekomplex erst nach und nach aus verschiedenen Bauwerken entstanden sein muss. Tatsächlich war dies im vorigen Jahrhundert geschehen, und so kam es erst, dass Bauten unterschiedlicher Prägung nun einem einheitlichen Gesamtbild entsprachen, dem – bei den Umbauten – gleich ganze Teile von Gebäuden weichen mussten.

Die Penzinger Straße selbst, an der sich das Anwesen befindet, war von jeher ein wichtiger Bestandteil des Straßennetzes, das Besucher aus ganz Europa nach Wien führte. Das Straßenbild wurde vorerst von weitläufigen Besitzungen, Weinbergen und Feldern dominiert, und eine Wandlung vollzog sich erst nach 1744, als die Straße allmählich eine gefragte Adresse wurde. Dies war jenem Umstand zu verdanken, dass nun der Umbau des Jagdschlosses in die kaiserliche Sommerresidenz Schönbrunn unserer Straße enorme Bedeutung zuwies. Es gehörte zum “guten Ton”, dort zu wohnen. Zwar sicherte der Wienfluß entlang der Hauptzufahrt zum kaiserlichen Palast die Privatsphäre, doch gleich dahinter konnten die Palais der kaiserlichen Günstlinge wachsen. Und so erstand der aus Lissabon stammende Emanuel Teles da Silva, duc da Silva-Tarouca das Häuschen eines gewissen Leonard Porter samt seinen umliegenden Bauten. Dieser – am 17. 9. 1696 Geborene – trat in die kaiserliche Armee ein und kämpfte gegen die Türken. Im Jahre 1740, als Maria Theresia die Thronfolge antrat, wurde er übrigens Präsident des Niederländischen Rates. Der geschickte Gefolgsmann avancierte zum, wie wir heute sagen würden, kaiserlicher Berater, und in den Jahren 1744 bis 1749 versah er das Amt des Hofbaudirektors. Damit war er zugleich der Vorgesetzte von Nicolaus Pacassi, der während dieser Zeit – auf Wunsch Maria Theresias – den Umbau des Schlosses Schönbrunn leitete. Silva-Tarouca galt als Vertrauter der Kaiserin, gewissermaßen ihr “Mentor”, er zählte zu den wenigen Gefolgsleuten die es sich erlauben durften, Kritik an der Kaiserin zu üben. Das oberste Gebot für den erfolgreichen Hofmann blieb jedoch stets der Wille der Kaiserin. Und so kam es auch, als Maria Theresia Interesse am Anwesen des Baudirektors bekundete, dass Silva-Tarouca nichts anderes übrig blieb, als seiner geliebten Herrscherin das Bauwerk, das er erst 1744 vollständig umgebaut hatte, 1747 zu verkaufen. Tarouca begann dann im Jahre 1755 mit dem Bau eines neuen Palais – an der Stelle der heutigen Nummer 11 – dessen sich aber die Familie später entledigte, und das unter seinem Neueigentümer, einem reichen niederösterreichischen Unternehmer, dem Baron Pouthon, bekannt werden sollte.

Die Nummer 13 beherbergte in den Jahren 1747 bis 1781 kaiserliche Jäger, die von dort aus Jagdausflüge in die nahe Umgebung vorbereiteten; heute ist uns dieses Jagdrevier als “Lainzer Tiergarten“ ein Begriff. Die heutige Nummer 9 erstand Karl von Lothringen, der Bruder Franz des Ersten – des Ehemannes Maria Theresias. Franz unterhielt ein ausgezeichnetes Verhältnis zu seinem Bruder, und die Kaiserin wiederrum nahm bereitwillig die Freunde ihres Mannes am kaiserlichen Hof auf (mit der Ausnahme einer Gräfin Auersperg, die in Hietzing ansässig war). Und so kam es, daß Karl nur so die Armeeränge durchlief, leider aber ebenso schnell kleinere Schlachten um die schlesische Erbschaft gegen die Preußen verlor. Bloß in einem einzigen Scharmützel bei Breslau, am 22. November 1757, durfte er siegreich bleiben, was Maria Theresia eiligst dazu nutzte, ihm das Großkreuz jenes Ordens zu verleihen, welchen sie begründete und dem sie auch ihren Namen gab (Karl war übrigens der erste Träger dieses Ranges im Maria-Theresien-Orden). Ein Historiker des vorigen Jahrhunderts äußerte sich wie folgt zu Karl: “Obwohl der Prinz in den Kriegen mit Preussen mehrere Schlachten verlor, so bleibt ihm doch der anerkannte Ruhm, dass seine Dispositionen und Entwürfe, und seine Anstalten, selbst bei verlorenen Schlachten, wohl überdacht und eingeleitet waren. Die Hauptursachen dieser widrigen Zufälle waren theils in der damaligen wirklich besseren Einrichtung der preussischen Truppen, theils in der ausserordentlichen Güte dieses Prinzen, welcher die Nachlässigkeiten und Fehler der Untergeordneten nur zu sehr schonte, theils aber auch in unvermuthetem zufälligen Ereignissen, dem sogenannten Kriegsglücke, zu suchen.”

Der Herzog sollte jedoch nicht viel vom Leben in Penzing haben, starb er doch schon im Jahre 1780 als kaiserlicher Stellvertreter in den Niederlanden. Später verkaufte der kaiserliche Hof das Bauwerk, das auch weiterhin als Lothringer-Haus bekannt bleiben sollte, und die Besitzer wechselten, bis es im Jahre 1814 schließlich der vermögende Wiener Apotheker Anton Würth erstand.

Auch die Nummer 9 sollte noch vielmals den Besitzer wechseln und teilte somit das Schicksal der übrigen Besitzungen. Erst im Jahre 1940 erkor es die Schauspielschule zu ihrem Sitz, welche uns heute als das Max Reinhardt-Seminar bekannt ist. Zu diesem Zeitpunkt lebte ihr Begründer Max Reinhardt (1873-1943) bereits in den USA, wohin er die Flucht vor den Nazis antreten musste. Reinhardt ist bis heute einer der wenigen, wenn nicht überhaupt der einzige Begründer der modernen deutschen wie österreichischen Schauspielkunst. Bis zum Jahre 1933 leitete es das Deutsche Theater in Berlin, sowie er bis 1937 auch das Programm der Salzburger Festspiele bestimmte. Schon 1929 war er zur Hochschule für Musik und dargestellte Kunst berufen worden, die noch im selbigen Jahr mit dem Unterricht begann. Damals war diese allerdings noch im Hoftheater bei Schönbrunn ansässig und übersiedelte, wie schon erwähnt, erst 1940 in die heutigen Räumlichkeiten. In diesem Teil des Komplexes blieben auch einige der ursprünglich barocken Räume erhalten, wie etwa der Festsaal mit der illusionistischen Wandmalerei. Anstelle der Parkanlage, die heute das Gebäude umgibt, befand sich zunächst eine Kavalleriekaserne – die ersten Bäume wurden erst im Jahre 1841 gepflanzt, und das Grundstück kam zu Lothringer-Haus hinzu. Ironischerweise wurde hier die Kaserne in eine Stätte der Kunst verwandelt – viel öfters begegnen wir leider einer entgegengesetzten Entwicklung.

Das letzte private Kapitel unseres Hauses brach in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts an. Die kaiserliche Verwaltung sprach das Lothringer-Haus dem letzten hannoveranischen König, Georg V. – einem Verwandten des englischen Herrschergeschlechts zu. Hannover war im Jahre 1866 unvorbereitet in den Krieg mit Preußen verwickelt worden. Zwar siegten dann die Hannoveraner in der Schlacht bei Hohensalza, in der sich Kronprinz August Ernst besonders auszeichnete, und wofür ihn auch Franz Josef in den Maria-Theresien-Orden erhob, doch der Krieg sollte dennoch verloren gehen. Der gebrechliche Georg V. flüchtete zunächst in die Hietzinger Villa seines Verwandten Wilhelm, dem Herzog von Braunschweig. Bald danach wies jedoch Kaiser Franz Josef I. ihm und seiner Familie das Anwesen Stöckl am Rande des Schönbrunner Parks als Sitz zu; unterdessen wurde eiligst das Lothringer-Haus hergerichtet. Die Hannoveraner verließen ihr Land würdevoll und in aller Ruhe, sodass sie ihre im Familienbesitz befindlichen Kunstsammlungen mitnehmen konnten. Somit blieb ihnen auch ein beträchtlicher Teil der Schätze erhalten. Vielleicht erinnert sich jemand, dass diese vor einigen Jahren als “Welfer-Schatz” versteigert wurden, und dass ganz Deutschland Geld sammelte, um eine wertvolle mittelalterliche Handschrift zu erstehen. Ein Großteil der Sammlung wurde damals nach Wien gebracht und in unserem Palais platziert – das Gebäude war im wahrsten Sinne des Wortes bestückt mit kostbaren Gemälden, einer großen Bibliothek, Möbeln, silbernen und goldenen Ziergegenständen, Antiquitäten etc. Im Jahre 1868, als das königliche Paar die silberne Hochzeit feierte, besuchten einige hannoveranische Verwandte den Wiener Sitz, und der österreichische Ministerpräsident Beust durfte erleichtert feststellen, dass die Feierlichkeiten im engsten Kreise vor sich gingen. Der letzte hannoveranische König lebte vorwiegend in französischen Kurorten, im Sommer in Berrages und im Herbst in Biarritz. Im Winter zog er sich nach Paris zurück, wo er auch am 12. Juni 1878 verstarb. Er ist in der Kapelle des Schlosses Windsor bestattet worden. Der Kronprinz beanspruchte danach zwar seine Rechte, doch Bismarck blieb unerbittlich. Also nahm Ernst August für die Zeit, bis er nach Hannover zurückkehren durfte, den Titel eines Herzogs von Cumberland sowie Herzogs zu Braunschweig und Lüneburg an. Wahrscheinlich ahnte er im Jahre 1878 noch nicht, daß ihn diese Titel bis zu seinem Tode begleiten sollten. Die englische Königin Viktoria verlieh ihm später auch den Hosenbandorden. Nunmehr bemühte sich der Herzog von Cumberland beharrlich, seine Ansprüche geltend zu machen. Er tat dies jedoch stets ruhig-besonnen und distanzierte sich von den Politikern seines Landes, die stattdessen eine Konfrontation mit Preußen suchten. Ernst August unterstützte etwa auch die Bildung der Welfer-Legion keineswegs. Noch im selben Jahr, am 21. Dezember 1878, vermählte er sich am Schloss Christiansborg mit der Prinzessin Thyra, der Tochter des dänischen Königs Christian IX. Nach der Trauung zogen die frisch Vermählten in die Villa Klusemann in Gmunden. Gmunden war ein mondäner Sommersitz im Salzkammergut, nur einige Kilometer vom kaiserlichen Ischl entfernt. Dort wurde auch der Großteil ihrer Kinder geboren: Marie Luise – 11. August 1879, Georg Wilhelm – 28. Oktober 1880, Alexandra – 29. September 1882, Olga – 11. Juli 1884 und Christian – 4. Juli 1885. Erst der jüngste Sohn, Ernst August, war in Penzing geboren worden, und zwar am 17. November 1887. Ernst August beschloss für seine wachsende Familie den Aus- und Aufbau einer neuen sommerlichen Residenz in Gmunden. Der Herzog hatte sich an der Planung und Ausführung des Baues eifrig beteiligt, und dabei auch seinen eigenen Geschmack zur Geltung gebracht. So entstand ein etwas schwerfälliger neugotischer Komplex – vermutlich eine der letzten weitläufigen Schlossbauten in Österreich. Der Herzog eignete sich sein Wissen um die gotische Schlossarchitektur während seiner Reisen nach Frankreich und England an, wo ihn auch Fachleute wie Henri Antoine Revoil (1822-1900) und Eugene-Emanuel Violet le Duc (1814-1879) begleiteten.

Im Palais Cumberland in Gmunden richtete sich der Herzog, da er leidenschaftlich Handschriften und Miniaturen sammelte, eine Bibliothek ein. Im Jahre 1891 erschien mit seiner Unterstützung das zehnbändige Werk “Reliquienschatz des Hauses Braunschweig-Lüneburg”. Äußerst gerne besuchte er auch das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg, wie er “überhaupt der Besichtigung von Museen und Bibliotheken mitunter zum Schrecken seiner Begleitung nicht müde wurde.” In Gmunden und Penzing stellten sich auch Persönlichkeiten wie Karl Hampe (1869-1936) oder Josef Strzygowski (1862-1941) bei ihm ein. Des Weiteren vervollständigte er die königliche Münz- und Medailliensammlung, deren Inventar der Sammler Eduard Fiala (1855-1924) beschreibt; der Katalog erschien später in mehreren Bänden.

Zum zweiten Mal also ist – nach dem Geschlecht Tarouca, die in Böhmen und Mähren ansässig waren – eine tschechische Spur aufgetaucht. Eduard Fiala stammte aus einer bekannten Gärtnerfamilie und trat zunächst in die Fußstapfen seines Vaters (der seinem Handwerk vorwiegend in Mödling bei Wien nachging). Die Anzahl der Parkanlagen, die er entwarf und pflanzte, ist imposant, uns interessiert jedoch mehr sein numismatisches Werk. Als leidenschaftlicher Sammler scheute er keine Kosten und Mühen, um seine Sammlung zu vergrößern. Er verfügte darüberhinaus über die notwendige Geduld und Erudition, sodass er einige der damaligen großen Sammlungen katalogisieren konnte. Nach Wien kam er des öfteren, um in den Läden der Antiquitätenhändler nach weiteren Stücken für seine Sammlung Ausschau zu halten. In Wien wurde er schließlich auch mit Ernst, dem Fürsten von Windischgrätz bekannt, dessen Familie eigentlich ihre Besitzungen in Westböhmen besaß, und Fiala, der oftmals auf dessen Palais wohnen sollte, fertigte eine Beschreibung seiner Sammlung an. Diese verlegte er ab dem Jahre 1895, der letzte Band erschien im Jahre 1917. Fiala wurde ebenfalls von den Fachleuten im Münzkabinett und bei der Wiener Münzstätte sehr geschätzt; diese verlegten die Dokumentation seiner Sammlung unter dem Titel “Katalog der Münzen- und Medaillen- Stempelsammlung (1901-1906).” Es war nicht festzustellen, wer Fiala dem Herzog von Cumberland vorstellte, aber die Sammler fielen sich vermutlich in die Arme, und der anerkannte Fiala verlegte alsbald der ersten Band der hannoveranischen Sammlung unter dem Titel “Münzen und Medaillen der Welfischen Lande”. Wir können uns lebhaft vorstellen, wie anno 1895 die beiden Männer in “unserem” Palais den druckfrischen Band beäugten. Bis 1917 sollten in dieser Reihe mehrere Bände erscheinen, jedoch war das Werk leider nie vollendet worden.

Noch ein Detail verband den Herzog Ernst August mit Böhmen, allerdings eines von formaler Art. Der Herzog war Inhaber des Regiments Nr. 42, das in Theresienstadt Station bezogen hatte. Zu diesen Würden – es galt dies als ein sehr ehrenvolles Amt – verhalf ihm Franz Josef I. Der Herzog tauschte mit dem Anführer des Regiments Glückwunschtelegramme aus, er widmete den Offizieren diverse Gedenkmedaillen und steuerte zu der Renovierung des Regimentsaltars in der Kirche von Theresienstadt bei. Wir wissen zwar bislang noch nicht, ob er denn überhaupt jemals in Theresienstadt gewesen war, aber einer seiner Söhne diente nachweislich als Hauptmann des Regiments. Im Jahre 1900 vermählte die Familie Marie Luise mit dem späteren deutschen Kanzler, dem Prinzen Maximilian von Baden. Die Prinzessin verstarb erst im Jahre 1948 am Schloss in Salem, in der Nähe jener von ihrem Mann begründeten Eliteschule, deren Erfolg ihr so am Herzen lag. Die andere Tochter – Prinzessin Alexandra – vermählte sich hingegen 1904 mit dem Großherzog Friedrich Franz IV. von Mecklenburg-Schwerin. Sie starb im Jahre 1963. Das Jahr 1901 brachte der Familie zuvor einen besonders schmerzlichen Schicksalsschlag – den Tod des Prinzen Christian.

Die Gmundener Zeitung dokumentierte sorgfältig das Leben rund und um den Herzog. Besonders ausführlich berichtete sie von dessen Teilnahme am feierlichen Mahl, welches anläßlich des Treffens von Franz Josef I. mit dem englischen König Eduard VII. ausgerichtet worden war. Dort überraschte er damit, daß er zu diesem feierlichen Anlass mit Lakaien in den Farben Hannovers anreiste. Er stach dort dem aufmerksamen Sir Frederick Ponsonby aus der königlichen Gefolgschaft ins Auge, der sich über den Herzog vermerkte…“an old man dressed as a Britisch General but in a uniform of pre-Crimean War pattern, with an antiquated Garter ribband…”; nun ein Hofmann irrt nicht.

Der Herzog von Cumberland, dessen Schwiegervater ja der dänische König war, zeigte dem deutschen Kaiser gern seinen Unmut damit, dass er zu Besuchen nach Dänemark stets über einen Umweg anreiste. Er tat dies um nicht jenen Boden betreten zu müssen, welchen – seiner Auffassung nach – die Preußen nach wie vor okkupierten. Letztendlich musste sich aber auch Cumberland aufgrund von Umständen, die beinahe aus einem Drehbuch stammen könnten, mit den Hohenzollern versöhnen. Als im Jahre 1912 der dänische König Christian IX. verstarb, war klar, dass die Familie am Begräbnis vertreten sein musste. Der Herzog entschuldigte sich und sandte seinen ältesten Sohn, Prinz Georg Wilhelm. In der Nacht vor seiner Abreise träumte Georg, dass er sich auf seinem eigenen Begräbnis einfindet, und dass ihm zwei deutsche Offiziere die letzte Ehre geben. Er vertraute diesen Traum seinem Bruder an. Danach machte er sich also auf den Weg, und erlitt tatsächlich in Deutschland bei Nackel in Brandenburg einen Autounfall, an dessen Folgen er am 20. Mai 1912 starb. Der deutsche Kaiser hielt trotz Zwist die Regeln der Höflichkeit ein, und ließ sich beim Begräbnis des Prinzen von zwei Offizieren vertreten. Nun musste wiederrum Cumberland das Etikett wahren. Er sandte seinen jüngsten Sohn Ernst August nach Berlin, um sich für das bekundete Beileid zu bedanken. Am kaiserlichen Hof begegnete Prinz Ernst August der Tochter des Kaisers, Prinzessin Viktoria Luise, und die beiden verliebten sich. Cumberland war zunächst gegen die Vermählung, willigte jedoch schließlich ein. Die Hochzeit am 24. Mai 1913 war das gesellschaftliche Ereignis des Jahres und eine der letzten großen höfischen Feierlichkeiten in Berlin vor dem Ausbruch des “großen” Krieges. An diese Hochzeit erinnerten sich später viele mit gewisser Nostalgie, war es doch zum letzten Mal, dass Angehörige der einflussreichsten Geschlechter miteinander den berühmten Fackeltanz begingen. Ihre Welt ist vom Krieg zerstört worden. Der auf der Hochzeit anwesende russische Zar wurde später ermordet, den deutschen Kaiser ereilte sein Ende in Holland. Wie der Herzog von Cumberland das Ende des Krieges aufnahm, ist und nicht bekannt. Spürte er gar Genugtuung, dass der feindliche Wilhelm II. am Ende seines Lebens dieses auch im Exil fristen musste? Zumindest sprang die Familie dank der Vermählung über ihren Schatten und überwand ihre offen getragene Abneigung gegen die Hohenzollern – andererseits brachte ihnen dies den Vorteil, regelmäßig nach Deutschland zurückkehren zu können. Der Kaiser gab seinem Schwiegersohn außerdem die Verwaltung in Braunschweig zurück, und ernannte ihn zum Generalmajor der preußischen Armee. Als Erinnerung an die Hochzeit war sogar eine 5-Mark-Gedenkmünze geprägt worden, die heute unter Sammlern sehr begehrt ist. Ernst August, der im Jahre 1918 abdankte, verstarb 1953 und hinterließ Nachkommen.

Der Krieg änderte auch das Leben dieser Familie. Der Herzog von Cumberland überließ das Palais in Penzing dem Roten Kreuz. Am 21. Dezember 1917 ernannte ihn Kaiser Karl zum General der Kavallerie – es machte nichts aus, dass der Herzog bereits den Rang eines englischen Generals inne hatte. Die Einrichtung eines Kriegslazaretts in unserem Hause gibt Zeugnis davon, dass die Familie an Penzing allmählich ihr Interesse verlor. Zum republikanischen Wien der Nachkriegszeit hatte der Herzog ebenfalls keinen Bezug, und deshalb gas es wohl auch keine Gründe, als die neue tschechoslowakische Republik einen Sitz für ihre diplomatische Vertretung suchte, die kurz auch im Palais Lobkowicz untergebracht war, dieser das Palais nicht zu verkaufen. Der Herzog Ernst August starb auf seinem Schloss in Gmunden am 14. November 1923 – heute beherbergt auch dieses Bauwerk eine öffentliche Anstalt. Seine Gattin starb ebenfalls in Gmunden, und zwar am 26. Februar 1933. Für das Palais an den Ufern der Wien begann somit ein neues Kapitel seiner Geschichte, deren Zeilen bis dato die diplomatischen Vertreter der Tschechischen Republik schreiben.

Quelle: Pastrnak’s Austrio – Bohemia Press, Tschechische-Slowakische Literatur & Musik, 2011

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